Systemisch-konstruktivistische Ansätze und ihre mögliche Perspektive in der Religionspädagogik und -didaktik mit Blick auf den Religionsunterricht an Berufskollegsnanoparticles

  • Systemic-constructivist approaches and their potential perspective in religious pedagogy and didactics regarding religious education at vocational colleges

Conrads, Eva Irmtrud; Meyer, Guido (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2009)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2009

Kurzfassung

Wie in allen anderen Schulformen ist auch am Berufskolleg das Fach (katholische) Religion ordentliches Unterrichtsfach. Dennoch unterscheidet sich der hier erteilte Religionsunterricht erheblich von dem an allgemeinbildenden Schulen. Dies liegt nicht nur an der grundsätzlichen Orientierung am Lernfeldkonzept und der Forderung nach der Durchführung von Handlungsorientiertem Unterricht, der einen starken Berufsbezug aufweisen sollte. Entgegen kirchlicher Weisungen und gesetzlicher Grundlagen wird der Unterricht nicht konfessionsgetrennt, sondern im Klassenverband (sofern der einzelne Schüler sich nicht abmeldet) konfessions- und religionsgemischt, ohne die Möglichkeit den Unterricht eines Ersatzfaches zu besuchen, erteilt. Der zu erteilende Religionsunterricht findet in einem äußert vielfältig geprägten und beeinflussten Kontext statt und kann sich Veränderungen, die durch die Postmoderne und (Post-) Säkularität bedingt sind, nicht entziehen. Auf diese Weise kann der Religionsunterricht an Berufskollegs als Vorreiter hinsichtlich der Dringlichkeiten und Möglichkeiten des kommenden Religionsunterrichtes auch an allgemeinbildenden Schulen gesehen werden. Der gerade beschriebenen Realität steht die Entwicklung der Religionspädagogik und -didaktik völlig anders geartet gegenüber, denn trotz verschiedener Versuche der Umwandlung und Erneuerung bleibt das korrelationsdidaktische Prinzip Bestandteil aktueller Lehrpläne. Dieses Prinzip sieht eine herstellbare und im Unterricht herzustellende kritisch-produktive Wechselbeziehung zwischen den Polen Glaubenserfahrung und Offenbarung vor. Die Grundannahme der vorliegenden Dissertationsschrift ist es, dass dieses Prinzip aus unterschiedlichen Gründen nicht (mehr) tragfähig ist und es zu einer grundlegenden Neuorientierung in der Religionspädagogik und -didaktik kommen sollte. Dabei soll aber den oben dargestellten Verhältnissen Rechnung getragen werden, ohne dabei die klare christliche (und ebenso katholische) Ausrichtung aufgeben zu müssen. Zu diesem Zweck werden "Systemisch-konstruktivistische Ansätze und ihre mögliche Perspektive in der Religionspädagogik und -didaktik mit Blick auf den Religionsunterricht an Berufskollegs" untersucht und erörtert. Dabei wird der Terminus Perspektive als mögliche Sichtweise und Blick auf Zukünftiges verstanden. Die Dissertationsschrift gliedert sich in drei große Abschnitte. In einem ersten Schritt wird eine umfassende Bestandsaufnahme der aktuellen (Problem-) Situation geleistet. Hierbei werden der Religionsunterricht am Berufskolleg mit seinen unhintergehbaren Voraussetzungen dargestellt und mit korrelationsdidaktischen Konzepten konfrontiert. Auffallend ist hier, dass alle korrelativ arbeitenden Konzepte durch eine lineare und (mono-) kausale Ausrichtung Schwierigkeiten aufweisen, die sie in der Realität des postmodernen und postsäkularen Religionsunterrichtes an Berufskollegs nicht bestehen lassen. Im darauf folgenden Schritt werden systemisch-konstruktivistische Ansätze auf religionspädagogische und -didaktische Problemfelder bezogen, ehe in einem zweiten Schritt eine intensive Auseinandersetzung mit diversen Aspekten systemisch-konstruktivistischen Denkens und Handelns unternommen wird. Diese Auseinandersetzung erfolgt entlang der nachfolgenden erkenntnisleitenden Fragen: Wie kann systemisch betrachtet Erziehung aussehen und welches Verhältnis haben dann die beteiligten Personen in einem solchen Prozess? Wie schlagen sich grundlegende erkenntnistheoretischen Aussagen über Phänomene wie Wirklichkeit, Kausalität, Zirkularität, die Unmöglichkeit der instruktiven Interaktion u.a.m. in pädagogischen und didaktischen Aussagen nieder? Was bedeuten die Ebenen der Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion für die Gestaltung von Unterricht? Außerdem werden erste Problemfelder wie die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit und ihr Verständnis aus Glaubenssicht bzw. systemisch-konstruktivistischer Sicht eröffnet. Nach der intensiven und facettenreichen Behandlung der Grundlagen einer möglichen systemisch-konstruktivistischen Perspektive in der Religionspädagogik und -didaktik widmet sich der dritte Teil der Arbeit konkret der Übertragung der Erkenntnisse in den Bereich der Religionspädagogik und -didaktik. Zuvor werden bisherige Konstrukte zu systemisch-konstruktivistischem Denken und Handeln in der Religionspädagogik und -didaktik untersucht. Zu konstatieren ist, dass zumeist nur kleinere Adaptionen und partielle Übertragungsversuche oder, unter Rückbezug auf andere didaktische Konzepte, eventuelle Verbindungen dargestellt werden. Durch eine Verknüpfung der systemisch-konstruktivistischen Grundlagen mit religionspädagogischen und -didaktischen Erkenntnisse lassen sich klare Korrespondenzen zwischen einem systemisch-konstruktivistisch geprägten Menschenbild und einem christlichen Menschenbild erkennen, aus welchen sich wiederum eine ethische Orientierung sowie eine klare Absage an die Idee der Beliebigkeit ablesen lassen. Ebenfalls wird deutlich, welche Möglichkeit sich als Brückenschlag zwischen einem systemisch-konstruktivistischen Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit und der Vorstellung von Wahrheit im Glauben anbietet. Entscheidend für die Zielsetzung der Arbeit war die Idee mit systemisch-konstruktivistischem Gedankengut eine veränderte Perspektive in der Religionspädagogik und -didaktik aufzuweisen, die in der Realität eines postmodern und (post-) säkularen geprägten und gemischtkonfessionellen und -religiösen Religionsunterrichtes stand halten kann, ohne entscheidende Faktoren wie die Pole der Korrelationsdidaktik, Erfahrung und Offenbarung, negieren oder aufgeben zu müssen. Diese stehen sich unter hier vorgestellten veränderten Perspektive nun nicht mehr unverbindbar gegenüber, sondern können in einem systemisch-konstruktivistischen Verständnis von allen Beteiligten in die Aspekte der Konstruktion und Rekonstruktion eingebracht werden und aufgehen, um dann von auch dekonstruiert werden zu können. Um die Arbeit auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen und hinsichtlich ihrer Praxisorientierung abzurunden, befasst sich ein weiterer Abschnitt des dritten Teils mit einer Betrachtung von aktuellen Lehrwerken für den Religionsunterricht an Berufskollegs, die als systemisch-konstruktivistischer Materialpool geeignet sind. Weil die vorliegende Arbeit selbst ein Konstrukt ist, das der dialogischen Auseinandersetzung in religionspädagogischen und -didaktischen Kreisen bedarf, schließt der dritte Teil mit einem kritischen Rückblick und mit Anfragen und Anregungen für eine notwendige weitere Auseinandersetzung.

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