Die Säkularisierungsthese nach Charles Taylor : religionspädagogische Erkundungen und Perspektiven in der Postmoderne

Frey, Alexandra; Meyer, Guido (Thesis advisor); Roebben, Hubertus (Thesis advisor)

Aachen (2017)
Doktorarbeit

Dissertation, RWTH Aachen, 2017

Kurzfassung

Die vorliegende Arbeit „Die Säkularisierungsthese nach Charles Taylor - religionspädagogische Erkundungen und Perspektiven in der Postmoderne“ nimmt die Auseinandersetzung mit der Säkularisierungsthese bei Charles Taylor in der Gesamtschrift "Ein säkulares Zeitalter" als Grundlage. Dabei wird diese Gesamtschrift durch eine prononcierte, hermeneutische Vorgehensweise bearbeitet und greift insbesondere religionspädagogische Aspekte der Veränderung der Religion sowie Implikationen für die veränderte Situation der Religion in der Postmoderne in Folge der Säkularisierung auf. In dieser Vorgehensweise wird die Situation der Religion um 1500 als Ausgangspunkt der inhaltliche Betrachtung und Referenzpunkt genommen, von dem ausgehend die Entwicklung und Veränderung der Religion über 500 Jahre skizziert wird bis hin zur Situation der Religion in der Postmoderne. Der sich ergeben Kontrast zwischen der Situation der Religion um 1500 und in der Postmoderne gibt Anlass zur Überlegung wie die Bedeutung, der Zugang und die sich ergebende Verständlichkeit der Religion in der Postmoderne religionspädagogisch gestaltet ist. Durch die auftretenden Probleme der Religion in Folge der Säkularisierung zeigt Taylor Perspektiven einer vitalen und anschlussfähigen Form der Religion auf, als religionspädagogischer Ausblick zur Säkularisierungsthese. Im weiteren wird ausgehend von dieser Darstellung der Veränderung der Religion über 500 Jahre bei Taylor das Problemfeld der Beschreibung und der begrifflichen Unschärfe des Religionsbegriffs als auch des Säkularisierungsbegriffs aus religionspädagogischer Perspektive aufgezeigt. Hinsichtlich des Säkularisierungsbegriffs grenzt Taylor drei Bedeutungen voneinander ab: Säkularisierung im öffentlichen Bereich als Bedeutungsrückgang der Religion und Bezugnahme auf Rationales; Säkularisierung als gesamtgesellschaftliche Trennung zwischen Kirche und Staat sowie Säkularisierung als veränderte Bedingungen des Glaubens, wobei der Glaube als eine Option neben anderen in der säkularen Gesellschaft verstanden wird. Allein durch diese Bedeutungsvielfalt des Säkularisierungsbegriffs, welcher je nach vorliegendem Konzepte verschieden rezipiert wird, wird der Begriff sowie die Frage nach der Säkularisierung zu einem komplexen, eigenständigen Problem, welches eine differenzierte Betrachtung erfordert. Ebenso kann der Religionsbegriff je nach Kontext verschieden verwendet werden, so dass in der vorliegenden Arbeit eine Fokussierung des Religionsbegriffs auf ein substanzielles sowie ein funktionales Verständnis der Religion vorgenommen wird. Diese Fokussierung des Religionsbegriffs geschieht in Anlehnung an Taylor, der die Religion implizit in durch ihrer funktionale Bedeutung für die Gesellschaft und das Indivdiuum sowie durch das substanzielle Verständnis der Religion als Verweis auf eine transzendente Ebene beschreibt. Mit dieser begrifflichen Grundlage kann eine strukturierte Darstellung des religiösen Wandlungsprozesses bei Taylor sowie durch anderen religionspädagogische Konzepte, beispielsweise nach Joas, Habermas, Höhn Ziebertz und Berger, vorgenommen werden. Durch diese Konzepte kann als hermeneutischer Schlüssel eine Ergänzung und Kontextuierung der Darstellung Taylors geleistet werden. Im Ergebnis kann die klassische Säkularisierungsthese der Soziologie, welche mit der zunehmenden Industrialisierung und Modernisierung einen Rückgang der Religion bis zu einem Verlust der Religion beschreibt, aus religionspädagogischer Perspektive überprüft und durch religionspädagogische Konzepte der Postmoderne ergänzt werden. Durch diese umfangreiche Betrachtung des religiösen Wandlungsprozesses unter dem Signum der Säkularisierung kann eine differenzierte und vielschichtige Beschreibung der Religion in der Postmoderne geleistet werden. Die differenzierte Betrachtung zeigt, dass einerseits die klassische Säkularisierungsthese nicht auf die Situation der Religion in der Postmoderne passt und andererseits eine eindimensionale Erklärung, im Sinn einer Subtraktion der Religion aus dem gesellschaftlichen und individuellen Bereich, den religiösen Wandlungsprozess kausal nicht erklären kann. Vielmehr muss die Religion in der Postmoderne, in Anlehnung an die Darstellung Taylors, als Ergebnis der historischen, soziologischen und religionspädagogischen Entwicklung verstanden werden. So ist aufgrund der veränderten gesellschaftlichen und individuellen Gegebenheiten eine veränderte Bedeutung und Wahrnehmung der Religion in der Postmoderne zu konstatieren, welche durch eine plurales religiöses Angebot beantwortet wird. Mit dem pluralen religiösen Angebot ergibt sich eine veränderte Bedeutung und Formenvielfalt der Religion, so dass die Religion eine veränderte Präsenz erfährt und neue Möglichkeiten der Begegnung mit Religion, des Zugangs zur Religion und eine Vermittlung von Religion erforderlich werden. So wird die Religion in der Postmoderne als gesellschaftliche Wurzel und kulturstiftende Größe wahrgenommen, welche verschiedene Bedeutungen und Erscheinungen in der Öffentlichkeit präsentiert. Ausgehend von diesen umfangreichen Veränderungen der Religion, welche als Säkularisierung beschrieben werden können, sind Auswirkungen auf die klassischen Bildungsinstanz und die Vermittlung von Religion in der Postmdoerne festzustellen. In Folge dieser Veränderungen ist Religion in der Postmoderne als individuell gestaltete Form und plurales religiöses Angebot wahrzunehmen. So kann nur durch einen individuellen Zugang zur Religion und das damit verbundene Verständnis und die Bedeutung der Religion, eine vitale und anschlussfähige Form der Religion konstruiert werden. Die individuelle Konstruktion von Religion kann individuelle religiöse Bedürfnisse, Vorstellungen und Erfahrungen aufgreifen und Religion somit verständlich und authentisch gestalten. Diese individuelle Form der Religion ist je nach Kontext substanziell oder funktional geprägt, so dass die individuelle Form der Religion eine Mischform aus substanziellen, religiösen Elementen, als transzendenter Verweis, und funktionalen, religiösen Elementen, als gesellschaftliche und individuelle Stütze, welche Orientierung, Stabilität und Sinnstiftung vermittelt, darstellt. Im dritten Teil der Arbeit werden religionspädagogische Konsequenzen aus der festgestellten Veränderung der Religion durch erkenntnisleitende Fragen abgeleitet werden. Hierbei stehen zentrale religionspädagogische Fragen, wie beispielsweise die Frage nach dem Verlust der Religion in der Postmoderne sowie die Frage nach der Anschlussfähigkeit und Vitalität der Religion, als auch die Problematik der Begegnung mit sowie der Vermittlung von Religion in den klassischen Bildungsinstanzen im Zentrum der Überlegungen. Grundlegend muss die Religionspädagogik die veränderte Situation der Religion in der Postmoderne, als einer Option der Weltdeutung neben anderen, wahrnehmen und die Begegnung als auch den Zugang und die Verständlichkeit der Religion individuell schlüssig und pluralitätsfähig gestalten. Diese grundlegende neue Wahrnehmung der Religion wird in den religionspädagogischen Konzepten des Narthex als Zugang zur Religion und der Religion als Element des indivduellen Begehrens sowie der Begegnung mit Religion als disperse Form ertragreich angewendet. Diese Konzepte ermöglichen eine Begegnung mit Religion als transzendentes Element im profanen Bereich und greifen damit individuelle religiöse Bedürfnisse auf.Jedoch müssen die individuellen religiösen Bedürfnisse und das religiöse Begehren erst durch eine grundlegende religiöse Bildung erschlossen werden, welche in Bezug zu den veränderten Bedingungen der Religion neu gestaltet werden muss. Hierbei muss der religiöse Sensus, als menschlicher Sinn, der religiöse Zusammenhänge aufspürt und Religion damit individuell erschließen kann, wahrgenommen und geschult werden. Der religiöse Sensus stellt einen Schlüssel für das individuelle religiöse Begehren sowie für das Wahrnehmen religiöser Zusammenhänge im rationalen Kontext der Postmoderne dar. Ebenso kann durch den religiösen Sensus eine religiöse Sprachfähigkeit und ein religiöses Symbolverständnis grundlegend erlernt werden, durch welches das plurale religiöse Angebot der Postmoderne individuell erschlossen und zu einer Konstruktion von Religion genutzt werden kann. Insgesamt muss in Reaktion auf die veränderte Situation und Erscheinung der Religion in der Postmoderne die Begegnung mit und der Zugang zur Religion religionspädagogisch grundlegend neu verstanden werden. Damit kann Religion in der Postmoderne nicht auf die traditionellen Bildungsinstanzen beschränkt weden, sondern wird im Kontext alltäglicher Erfahrung und einer individuellen Weltsicht erfahren. Durch diese tiefgreifenden und wegweisenden Veränderung der Religion stellt die Säkularisierung aus religionspädagogischer Perspektive eine notwendige und gewinnbringende Entwicklung für die Vermittlung und den Zugang zur Religion in der Postmoderne dar.

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