Religiöse Überbietungskämpfe und Deutungsmachtkonflikte im globalen Feld des Salafismus

 

Info zum Projekt

Projektleiter: Youssef Dennaoui
Antragsteller: Patrick Becker

Laufzeit: 10.2020-09.2024 (4 Jahre)

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“

Logo des BMBF dt.  

Eine vergleichende Untersuchung salafistischer Überzeugungen zwischen Deutschland und Marokko

(Leitung: Dr. Youssef Dennaoui)

Religiöse Radikalisierungsprozesse stellen für moderne Gesellschaften eine besondere Herausforderung dar. Diese kommen in allen Religionen/Regionen vor und sind in ihrer Eigenart als moderne Phänomene zu begreifen. Ob in Afrika, in Nord- und Lateinamerika, in Indien oder in der islamisch geprägten Welt, überall beobachten wir Tendenzen zu strengen bis hin zu radikalen religiösen Lesarten und Organisationsformen des Religiösen, die auf dem gleichen Boden stattfinden, wie die intensiven Modernisierungen ganzer Gesellschaftsbereiche.

Für den Islam stellt der Salafismus in seinen zahlreichen Erscheinungsformen (puritanische, politisierte, jihadistische usw.) einen modernen Versuch dar, die islamischen Quellen und Diskurstraditionen einer strengen bis radikalen Lesart zu unterziehen. Das Ergebnis ist die Entstehung salafistischer Gruppierungen/Organisationen weltweit, die ihre Religiosität nach strengen religiösen Regeln und Vorschriften gestalten und untereinander geschlossene Gemeinschaften bilden. Regelmäßige Deutungsmachtkämpfe mit den klassischen Einrichtungen des orthodoxen sunnitischen Islam um die ‘authentische’ islamische Haltung führen nicht nur zur Fragmentierung bereits etablierter salafistischer Gruppierungen, sondern auch zu deren Radikalisierung. Dabei spielt – so die religionssoziologisch geleitete Annahme – die Praxis der Überbietung, die im übertriebenen Wettstreit religiös-theologischer Deutungen ihren primären Ausdruck findet und umfassende Umdeutungen/Umwertungen religiöser Glaubensinhalte, Praktiken, Lebensstile und Institutionen des Islam vornimmt, eine zentrale Rolle. Das Ergebnis ist eine ‚Salafisierung des Islam‘, die weltweit zu beobachten ist und im Projekt – so die These – als eine Folge von religiösen Überbietungsprozessen begriffen werden soll. Diese Entwicklung wird zwar unter muslimischen Theologen bereits thematisiert, es fehlt jedoch eine fundierte und kritische Analyse ihrer individuellen, sozialen und religiösen Folgen. Auch findet sie in der vergleichenden sozialwissenschaftlichen Forschung über den Salafismus kaum Beachtung.

Das BMBF-Projekt besteht aus zwei Phasen:

In der ersten dreijährigen Forschungsphase werden ausgewählte Beispiele/Stationen salafistischer Entwicklungen der letzten dreißig Jahre an zwei unterschiedlichen Kontexten (Marokko und Deutschland) vergleichend untersucht. Entlang von vier Themenfeldern sollen sie mit Hilfe diskursanalytischer Verfahren systematisch rekonstruiert werden: a) theologische Diskurse und Debatten; b) religiöse Biographien und Autoritäten; c) religiöse Organisationen und Netzwerke; d) globale Ereignisse und Konflikte. Diese vier Untersuchungsfelder sollen im diskursanalytischen Forschungsprozess thematische Orientierungen bieten, der Bedeutung von religiösen Überzeugungen in salafistischen Überbietungsdiskursen gerecht werden und vor allem Konfliktsituationen bestimmen helfen, innerhalb derer religiöse Überbietungskämpfe unter den unterschiedlichen salafistischen Gruppierungen eskalieren. Dabei soll den Fragen nachgegangen werden, 1) wie der Prozess der Produktion, Reproduktion, Zirkulation und Aneignung religiöser Diskurse der Überbietung im Salafismus sich vollzieht und 2) ob und unter welchen Bedingungen religiös-diskursive Überbietungskämpfe und -konflikte innerhalb salafistischer Kreise zur Radikalisierung führen können.

In der zweiten praxisorientierten Phase sollen die Forschungsergebnisse genutzt werden, um bestehende Maßnahmen gegen den radikalen Salafismus in Deutschland auszuwerten bzw. neue zu generieren. Hier trägt der Vergleich mit Marokko, da sich das Land in der Auseinandersetzung mit dem radikalen Salafismus in einer parallelisierbaren Lage befindet. In Zusammenarbeit mit der Stadt Aachen, dem NRW-Netzwerk CoRE, religiösen Gemeinden sowie Zentren islamischer Theologie in Deutschland sollen vorhandene Ansätze evaluiert und neue erarbeitet werden. Leitend ist dabei, lokale Präventionskulturen gegen religiöse Radikalisierung zu etablieren, die transreligiöse und translokale Ursachen berücksichtigen.

Weiterführende Informationen zum Thema:
BMBF

Transferprojekt RADIS