Zu einer interkulturellen Philosophie der universitären Bildung in Kolumbien

 

Verantwortliche

Durchgeführt von: Carlos Romero Otálora
Betreuer: Guido Meyer

 

Der Bildungsbegriff der deutschen Naturphilosophie und das lateinamerikanische Buen Vivir (Gutes Leben)

Beschreibung:

In Kolumbien zeigt sich die paradigmatische Theorie der Entwicklung konkret darin, dass höhere Bildung von privaten und Eliteuniversitäten bestimmt wird. Das angeblich demokratische Ideal „Erziehung für alle“ (Educación para todos) wurde durch die Bildungsreform von 1992 etabliert. In Übereinstimmung mit der neuen Staatsverfassung wurden neue Universitäten durch privates Kapital geschaffen, um auch den mittleren sozialen Schichten Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Dadurch hat sich zwar die Zahl der Studierenden erhöht, aber diese Zahl sagt nichts über die Qualität und das Verständnis der Bildung an diesen Universitäten aus. Die prekären Bedingungen der Lehrenden, der Mangel an Forschungsinvestitionen, der Ausschluss von Minderheiten wie Afrodeszendenten, kleinbäuerlicher Bevölkerung und Indigenen sowie die Kontrolle einer übertriebenen Bürokratie sind einige solcher Auswirkungen der Dominanz des privaten Kapitals.
Neoliberale Perspektiven, verbunden mit solchen Idealen wie des „Human development“ haben ein besonderes Bild vom Menschen konstituiert, das die Weltanschauung, Bildungseinrichtungen und Verhalten aller gestaltet. Bestimmte Wünsche, Emotionen, Lifestyles und Ausdrucksformen vom Sinn des Lebens stellen die Resultate der Einwirkung von kapitalistischen Privilegien dar, die die Eliten angeblich besitzen. Konkret ausgedrückt: die Eliten nutzen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Wissen und Kenntnisse der Menschen, um das kulturelle Kapital in ökonomisches Kapital zu verwandeln. Um dieses Bild vom Mensch zu erfüllen, wird es zum einzigen paradigmatischen Ziel des Lebens erhoben. Diese Illusion wird deutlich kommuniziert. Beispielsweise gibt es Werbeslogans wie „We can do it“, „One person makes a difference“, „Bring deine Träume und wir verwirklichen sie zusammen“, die heutzutage in der Bildungswerbung benutzt werden, um Gedanken, Glaubenshaltungen und Ansichten zu beeinflussen und neue Kunden und Kundinnen in Form von Studierenden zu überzeugen. Bildung wird zum Konsumartikel, denn der Zugang zu jeder privaten oder Eliteuniversitäten hängt von der finanziellen Kapazität der Familien oder der Person ab.
In diesem Kontext stellt es sich die Frage, wie andere Wege zu einem offeneren Bildungsideal verfolgt werden können? Wie könnten andere Bildungskonzepte der zeitgenössischen kapitalistischen und industrialisierten Entwicklungstheorie entgegentreten, ohne sich auf dem Markt als irrational zu disqualifizieren? Kann das Hören auf die Anderen, die niemals gehört werden (die vorgenannten Minderheiten), zu einer neuen Quelle für andere Bildungsbegriffe werden?
Um diese Fragen zu beantworten, ist die Entwicklung einer alternativen Philosophie der universitären Bildung in Kolumbien erforderlich. Dazu wird in dieser Dissertation ein Dialog zwischen dem deutschen Bildungskonzept der Naturphilosophie (vor allem nach Herder) und dem lateinamerikanischen Begriff des Buen Vivir (Gutes Leben) geführt. Deshalb ist die interkulturelle Philosophie als methodischer Horizont gewählt worden. Der Begriff des Guten Lebens im kolumbianischen Kontext lässt sich gut mit der Bedeutung von Bildung im deutschen Romantik vergleichen. Anders ist die Bildungsauffassung der indigenen Völker, die auf der komplexen Wechselwirkung von Spiritualität und ökologischer Gemeinschaft beruht. Das Spirituelle ist die Grundlage für das komplementäre Verhältnis zwischen Individuen, Menschheit, Kultur und Natur in einem bestimmten Gebiet (Ökologie). Daraus entsteht ein alternatives komplexes und vollständiges Wissensmodell, das die Organisation der Gesellschaft und der kolumbianischen Nation eine neue Konzeption und Grundlage der Bildung im universitären Kontext und in der Bildungspolitik fördern kann.