Buchprojekt „Die Seele“

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In vielen Kulturkreisen wurde ein Begriff für eine wie auch immer geartete Seele ausgeprägt. Auch in der europäischen Geistesgeschichte spielte er lange Zeit eine wichtige Rolle und war essentieller Teil religiöser und anthropologischer Konzepte. Im religiösen Bereich und im theologischen Diskurs wird die unsterbliche Existenz der Seele bis zum heutigen Tag häufig als Prämisse gesetzt, um die eschatologische Dimension des Menschen und damit auch seine besondere Würde und Freiheit zu begründen. Gleichzeitig ist er jedoch weitestgehend, zumindest in der westlichen Welt, aus der Theorienlandschaft anderer wissenschaftlicher Disziplinen und dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Weder hermeneutisch noch empirisch arbeitende Fächer rekurrieren auf ihn, selbst in der Philosophie und in der Psychologie fristet er bestenfalls ein Randdasein. Dieser Sammelband möchte durch eine dezidierte Aufarbeitung der zugrundeliegenden Tradition den Seele-Begriff wieder neu in den Fokus rücken, um seine Anschlussfähigkeit für den heutigen, interdisziplinären Dialog zu eruieren.

Das Projekt wird interdisziplinär aus Perspektive der antik-judenchristlichen Tradition von Steffen Jöris, aus religionswissenschaftlicher Perspektive von Annette Meuthrath und aus systematisch-theologischer Perspektive von Patrick Becker durchgeführt und hat als erstes Ziel die Erstellung eines Sammelbands unter dem Titel

„Die Seele. Zur Genese und Aktualität eines vergessenen Konzepts“

Zunächst soll dort die Entwicklung des Seele-Begriffs im europäischen Raum kulturgeschichtlich von der Antike her analysiert werden, um die zentralen, mit ihm verbundenen Anliegen herauszustellen und zugleich unterschiedliche philosophisch-theologische Stränge nachzuzeichnen. Im zweiten Teil des Bandes wird der Blick kulturübergreifend geweitet. Damit kommen auch religiös-philosophische Traditionen in den Blick, die einen Seele(n)-Begriff ablehnen oder nicht entwickelt haben. So wird der Diskurs interkulturell erweitert und bereichert. Im dritten Teil sollen einerseits die Prozesse aufgegriffen werden, die zur Ablösung des Seele-Begriffs im heutigen westlichen Diskurs geführt haben, und damit auch die Gründe für seine heute schwache Rezeption analysiert werden. Andererseits soll interdisziplinär das Angebot eruiert werden, das der Seele-Begriff für die heutige Debatte um das Menschenbild darstellen kann.

Der Sammelband ist daher wie folgt gegliedert:

  1. Die religionsgeschichtliche Entstehung und Ausdeutung des Seele-Begriffs in der Antike
  2. Seele-Vorstellungen in nicht-europäischen Kulturen und deren religionsgeschichtliche Entwicklungen
  3. Das Verschwinden und die (mögliche) Anschlussfähigkeit des Seele-Begriffs im (post-)modernen Diskurs

Er wird voraussichtlich in der Quaestiones disputate - Reihe des Verlages Herder erscheinen. Die darin aufgenommenen Artikel sollen folgende drei Fragekomplexe aufgreifen:

  1. Grunderfahrungen/Anliegen: Es sollte deutlich werden, welche Grunderfahrungen hinter dem Seele-Begriff stehen, welches Anliegen mit ihm verknüpft ist bzw. warum eine Kultur keinen Seele-Begriff entwickelt hat. Wie ist der Seele-Begriff kulturgeschichtlich verankert bzw. durch welche alternativen Konzepte ist er ersetzt? Auf welche Traditionen wird rekurriert?
  2. Gehalt: Es sollte deutlich werden, wie der Seelebegriff bzw. seine Alternativen konzeptionell den in 1. formulierten Erfahrungen und Anliegen gerecht wurden. Welche Bedeutungsgehalte hat der Seele-Begriff bzw. seine Alternativen? Welche Prämissen, Menschen- und Weltbild sowie Jenseitsvorstellungen, waren bei seiner Verwendung bzw. Ablehnung zugrunde gelegt?
  3. Wirksamkeit: Es sollte deutlich werden, zu welchen konzeptionellen Konsequenzen diese Verwendung des Seele-Begriffs oder seiner Alternative(n) führt. Wie lässt er/sie sich in das Welt- und Menschenbild seiner Zeit integrieren? Wie wurde er bzw. das alternative Konzept im jeweiligen kulturellen Umfeld und darüber hinaus rezipiert? Welche gesamtgesellschaftliche Aufnahme bzw. Rezeption hat das jeweilige Seele-Konzept zu seiner Zeit erfahren?

I. Problemhorizont der Antike

Der erste Teil beginnt mit einer religions- und philosophiegeschichtlichen Verortung des Seele-Begriffs in der Antike. Von den Kulturen des Alten Orients über die griechisch-hellenistischen Entwicklungen und die jüdischen Traditionen bis hin zur Rezeption und Adaption des Begriffs im frühen Christentum werden dessen Grundlagen erläutert. Bei dieser historischen Skizzierung sollen nicht nur religionsgeschichtliche Einflüsse beim Konzept der Seele dargelegt werden, sondern auch die jeweiligen zugrundeliegenden anthropologischen, kosmologischen und eschatologischen Vorstellungen benannt werden.

II. Außereuropäische Seele-Konzeptionen

Der zweite Teil weitet den Blick über die Antike und jüdisch-christlich-hellenistische Konzepte aus. Damit treten auch religiöse Traditionen in den Blick, die einen Seele-Begriff ggf. ablehnen oder nicht entwickelt haben. Hier kommen einerseits einige der großen Weltreligionen in den Fokus sowie weitere, nicht durch die Antike geprägte Kulturräume. Dabei sollen die Beiträge die jeweilige spezifische Eigenart herausarbeiten und in den Diskurs einbringen. Auch in diesem Teil sollen die Verknüpfungen mit dem jeweiligen Menschen- und Weltbild verdeutlicht werden, um eine Gesamtsicht zu ermöglichen. Daher soll auch hier eine philosophische oder theologische Verortung erfolgen, die religionsgeschichtliche Entwicklungen reflektiert.

III. Vom Verschwinden des Seele-Begriffs zum heutigen Forschungsdiskurs

Der dritte Teil soll den Diskurs um die Anschlussfähigkeit des Seele-Begriffs in der heutigen Theorienlandschaft eröffnen und führen. Dazu sollen zunächst die Prozesse, die zum Verschwinden des Seele-Begriffs geführt haben, offengelegt werden. Es sollen die Veränderungen im Menschenbild, in den Jenseitsvorstellungen und im Weltverständnis verarbeitet werden, die Rahmenbedingungen für den aktuellen Umgang mit dem Seele-Begriff darstellen. Dabei werden sowohl eine übergreifende philosophische Ebene eingenommen, die die Veränderungsprozesse in der Moderne verarbeitet, als auch spezifische Disziplinen zu Wort kommen, die den Nutzen des Seele-Begriffs für das eigene Fach diskutieren. Damit werden die eingangs benannten Fragen in diesem Teil verändert angewandt: Es wird hier gefragt, welche Prozesse, Motive und Rahmenbedingungen entweder zum Verschwinden des Seele-Begriffs geführt haben oder zu einer Reaktivierung führen könnten.

IV. Fazit

In einem abschließenden Artikel werden die Herausgeber die Erkenntnisse der vorigen Teile auf der Basis der vorgegebenen Fragenkomplexe zusammenführen, um den Kern des Seele-Begriffs herauszuarbeiten und eine mögliche Anschlussfähigkeit in heutigen Diskursen aufzuzeigen.