Projekt “Salafismus”

Titel des Projektes: Religiöse Überbietungskämpfe und Deutungsmachtkonflikte im globalen Feld des Salafismus: Eine vergleichende Untersuchung salafistischer Überzeugungen zwischen Deutschland und Marokko

Das Phänomen religiöser und theologischer Überbietung, das primär im übertriebenen Wettstreit religiöser Praktiken und theologischer Auffassungen seinen Ausdruck findet, wird unter muslimischen Theologen bereits thematisiert und kontrovers diskutiert. Es fehlt jedoch eine fundierte Analyse seiner destruktiven individuellen, sozialen und religiösen Folgen. Auch findet es in der sozialwissenschaftlichen vergleichenden Forschung über den Islam kaum Beachtung. Das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert und auf vier Jahre angelegt ist, wird sich diesem komplexen Phänomen soziologisch in zwei Phasen annähern:

In der ersten Phase werden am Beispiel von Deutschland und Marokko religiöse Überbietungs- und Deutungsmachtkämpfe, die salafistische Kreise auszeichnen und hinter ihrer Radikalisierung vermutet werden können, kontextbezogen und vergleichend analysiert. Entlang von vier Themenfeldern, a) theologische Diskurse und Debatten; b) religiöse Biographien und Autoritäten; c) religiöse Organisationen und Netzwerke; d) globale/lokale Ereignisse und Konflikte soll das Phänomen diskursanalytisch untersucht werden. Die Auswahl dieser Themenfelder soll der Frage nach der Bedeutung von Religion/Religiosität bei der Wahl der Radikalisierungsoption in Überbietungsprozessen einerseits und dem transnationalen Charakter des Überbietungsgeschehens im Salafismus anderseits gerecht werden. Entlang der ersten drei Themenfelder sollen Diskurstechniken radikal-religiöser Sinnbildung, (Selbst-)Autorisierung und Institutionalisierung sowie Organisation und Verbreitung untersucht und danach befragt werden, wie das Phänomen religiöser Überbietung sich lokal reproduziert, transnational zirkuliert und Resonanz erzeugt, gelingt oder scheitert. Das vierte Themenfeld richtet den Fokus vornehmlich darauf, warum bestimmte (nicht-religiöse) globale Ereignisse in Konflikten münden, in denen die Sprache der Auseinandersetzung religiös wird und warum sich Religion dabei als Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und Überbietungsprozessen etablieren kann. Das Phänomen soll also diskursanalytisch angegangen werden, indem religiöse Überbietungsmuster im Salafismus erfasst und nach ihrer Steigerungs- und Verschärfungsdynamik in bestimmten Konfliktsituationen untersucht werden: So werden salafistische Überzeugungen, Begründungen, Deutungsmachtkämpfe, Rechtfertigungsnarrative, Nachahmungspraktiken usw. in ihrer Eigenrationalität und Eigendynamik kenntlich, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen zu unterschätzen, die sie zeitweise begünstigen.

In der zweiten Phase sollen die Forschungsergebnisse genutzt werden, um bestehende Maßnahmen gegen den radikalen Salafismus in Deutschland auszuwerten bzw. neue zu generieren. Hier trägt der Vergleich mit Marokko, da sich das Land in der Auseinandersetzung mit dem radikalen Salafismus in einer parallelisierbaren Lage befindet. In Zusammenarbeit mit der Stadt Aachen, dem NRW-Netzwerk CoRE, religiösen Gemeinden und staatlichen Stellen sollen vorhandene Ansätze evaluiert und neue erarbeitet werden. Leitend ist dabei, lokale Präventionskulturen gegen religiöse Radikalisierung zu etablieren, die transreligiöse und translokale Ursachen berücksichtigen.

Projektleiter: Youssef Dennaoui
Antragsteller: Patrick Becker
Laufzeit: 10.2020-09.2024 (4 Jahre)
Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Förderlinie “Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa”

© Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen | Webdesign: XIQIT GmbH
Kontakt | Impressum | Datenschutz