Projekt “Seele”

Aufstieg in das himmlische Paradies

Die Seelen Verstorbener auf dem "Aufstieg in das himmlische Paradies" von Hieronymus Bosch († 1516), Palazzo Ducale, Venedig

Many cultures have developed some sort of concept coined with the term soul. Especially in the European context, the soul has played an essential part in religious and anthropologic concepts. Religious and theological discourses often presuppose the existence of an (immortal) soul as a necessary premise for eschatology as well as to justify human dignity and freedom. Yet, while the term is presupposed in theological debates, it mostly disappeared within the rest of the scientific community and the public discourse. Neither hermeneutic nor empiric disciplines seem to refer to a soul, even the disciplines of philosophy and psychology hardly mention the term at all.

This collected volume attempts to refocus on the term of the soul and its potential use for contemporary interdisciplinary discourses by shedding light on its underlying concept.It starts with a broad reconstruction of the emergence of the term in antiquity, in order to trace its development and, more importantly, to shed light on its function and meaning. In a further step, the cultural horizon will be broadened to include non-European traditions (or non-traditions/alternative-traditions) of the soul and potentially provide a fresh perspective on the wide uses of the term. The final part not only questions the reasons for the disappearance of the term in Western culture, but also investigates the interdisciplinary potential of the term for modern discourses (e.g. by focusing on modern anthropological concepts and worldviews).

In vielen Kulturkreisen wurde ein Begriff für eine (wie auch immer geartete) Seele ausgeprägt. Auch in der europäischen Geistesgeschichte spielte er lange Zeit eine wichtige Rolle und war essentieller Teil religiöser und anthropologischer Konzepte. Im religiösen Bereich und im theologischen Diskurs wird die (unsterbliche) Existenz der Seele bis zum heutigen Tag häufig als Prämisse gesetzt, um die eschatologische Dimension des Menschen und damit auch seine besondere Würde und Freiheit zu begründen. Gleichzeitig ist er jedoch weitestgehend, zumindest in der westlichen Welt, aus der Theorienlandschaft anderer wissenschaftlicher Disziplinen und dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Weder hermeneutisch noch empirisch arbeitende Fächer rekurrieren auf ihn, selbst in der Philosophie und in der Psychologie fristet er bestenfalls ein Randdasein. Dieser Sammelband möchte durch eine dezidierte Aufarbeitung der zugrundeliegenden Tradition den Seele-Begriff wieder neu in den Fokus rücken, um seine Anschlussfähigkeit für den heutigen, interdisziplinären Dialog zu eruieren.

Das Projekt wird interdisziplinär aus Perspektive der antik-judenchristlichen Tradition von Steffen Jöris, aus religionswissenschaftlicher Perspektive von Annette Meuthrath und aus systematisch-theologischer Perspektive von Patrick Becker durchgeführt und hat als erstes Ziel die Erstellung eines Sammelbands unter dem Titel

Die Seele. Zur Genese und Aktualität eines vergessenen Konzepts

Zunächst soll dort die Entwicklung des Seele-Begriffs im europäischen Raum kulturgeschichtlich von der Antike her analysiert werden, um die zentralen mit ihm verbundenen Anliegen herauszustellen und zugleich unterschiedliche philosophisch-theologische Stränge nachzuzeichnen. Im zweiten Teil des Bandes wird der Blick kulturübergreifend geweitet. Damit kommen auch religiös-philosophische Traditionen in den Blick, die einen Seele(n)-Begriff ablehnen oder nicht entwickelt haben. So wird der Diskurs interkulturell erweitert und bereichert. Im dritten Teil sollen einerseits die Prozesse aufgegriffen werden, die zur Ablösung des Seele-Begriffs im heutigen westlichen Diskurs geführt haben, und damit auch die Gründe für seine heute schwache Rezeption analysiert werden. Andererseits soll interdisziplinär das Angebot eruiert werden, das der Seele-Begriff für die heutige Debatte um das Menschenbild darstellen kann.

Der Sammelband ist daher wie folgt gegliedert:

  1. Die religionsgeschichtliche Entstehung und Ausdeutung des Seele-Begriffs in der Antike
  2. Seele-Vorstellungen in nicht-europäischen Kulturen und deren religionsgeschichtliche Entwicklungen
  3. Das Verschwinden und die (mögliche) Anschlussfähigkeit des Seele-Begriffs im (post-)modernen Diskurs

Er wird voraussichtlich in der Quaestiones disputate-Reihe des Verlages Herder erscheinen. Die darin aufgenommenen Artikel sollen folgende drei Fragekomplexe aufgreifen:

  1. Grunderfahrungen/Anliegen: Es sollte deutlich werden, welche Grunderfahrungen hinter dem Seele-Begriff stehen, welches Anliegen mit ihm verknüpft ist bzw. warum eine Kultur keinen Seele-Begriff entwickelt hat. Wie ist der Seele-Begriff kulturgeschichtlich verankert bzw. durch welche(s) alternative(n) Konzept(e) ist er ersetzt? Auf welche Traditionen wird rekurriert?
  2. Gehalt: Es sollte deutlich werden, wie der Seelebegriff bzw. seine Alternative(n) konzeptionell den in 1. formulierten Erfahrungen und Anliegen gerecht wurden. Welche Bedeutungsgehalte hat der Seele-Begriff bzw. seine Alternative(n)? Welche Prämissen (Menschen- und Weltbild sowie Jenseitsvorstellungen) waren bei seiner Verwendung bzw. Ablehnung zugrunde gelegt?
  3. Wirksamkeit: Es sollte deutlich werden, zu welchen konzeptionellen Konsequenzen diese Verwendung des Seele-Begriffs oder seiner Alternative(n) führt. Wie lässt er/sie sich in das Welt- und Menschenbild seiner Zeit integrieren? Wie wurde er bzw. das alternative Konzept im jeweiligen kulturellen Umfeld und darüber hinaus rezipiert? Welche gesamtgesellschaftliche Aufnahme bzw. Rezeption hat das jeweilige Seele-Konzept zu seiner Zeit erfahren?

I.  Problemhorizont der Antike

Der erste Teil beginnt mit einer religions- und philosophiegeschichtlichen Verortung des Seele-Begriffs in der Antike. Von den Kulturen des Alten Orients über die griechisch-hellenistischen Entwicklungen und die jüdischen Traditionen bis hin zur Rezeption und Adaption des Begriffs im frühen Christentum werden dessen Grundlagen erläutert. Bei dieser historischen Skizzierung sollen nicht nur religionsgeschichtliche Einflüsse beim Konzept der Seele dargelegt werden, sondern auch die jeweiligen zugrundeliegenden anthropologischen, kosmologischen und eschatologischen Vorstellungen benannt werden.

Folgende Beiträge werden im Einzelnen erbeten:

  1. Die Seele im Alten Orient (Michaela Bauks)
  2. Die Seele in der griechischen Philosophie (Martin F. Meyer)
  3. Die Seele im hellenistisch-römischen Umfeld (Anna Usacheva)
  4. Die Seele in der antiken jüdischen Tradition (Bernd Janowski)
  5. Die Seele in den Schriften des Urchristentums (Steffen Jöris)
  6. Die Seele bei den Kirchenvätern und in der Spätantike (Jessica van ‘t Westeinde)
  7. Ausblick in die Rezeption und Systematisierung im Mittelalter (Alexander Brungs)

II. Außereuropäische Seele-Konzeptionen

Der zweite Teil weitet den Blick über die Antike und jüdisch-christlich-hellenistische Konzepte aus. Damit treten auch religiöse Traditionen in den Blick, die einen Seele-Begriff ggf. ablehnen oder nicht entwickelt haben. Hier kommen einerseits einige der großen Weltreligionen in den Fokus sowie weitere, nicht durch die Antike geprägte Kulturräume. Dabei sollen die Beiträge die jeweilige spezifische Eigenart herausarbeiten und in den Diskurs einbringen. Auch in diesem Teil sollen die Verknüpfungen mit dem jeweiligen Menschen- und Weltbild verdeutlicht werden, um eine Gesamtsicht zu ermöglichen. Daher soll auch hier eine philosophische oder theologische Verortung erfolgen, die religionsgeschichtliche Entwicklungen reflektiert.

Folgende Beiträge werden im Einzelnen erbeten:

  1. Die Seele im afrikanischen Raum (Jesse N.K. Mugambi)
  2. Die Seele im südamerikanischen Raum (Elisabeth Steffens)
  3. Die Seele im Islam (Fateme Rahmati)
  4. Die Seele im Hinduismus
  5. Die Seele im Buddhismus (Annette Meuthrath)
  6. Die Seele im chinesischen Raum
  7. Die Seele im ozeanischen Raum (Philip Gibbs)

III. Vom Verschwinden des Seele-Begriffs zum heutigen Forschungsdiskurs

Der dritte Teil soll den Diskurs um die Anschlussfähigkeit des Seele-Begriffs in der heutigen Theorienlandschaft eröffnen und führen. Dazu sollen zunächst die Prozesse, die zum Verschwinden des Seele-Begriffs geführt haben, offengelegt werden. Es sollen die Veränderungen im Menschenbild, in den Jenseitsvorstellungen und im Weltverständnis verarbeitet werden, die Rahmenbedingungen für den aktuellen Umgang mit dem Seele-Begriff darstellen. Dabei werden sowohl eine übergreifende philosophische Ebene eingenommen, die die Veränderungsprozesse in der Moderne verarbeitet, als auch spezifische Disziplinen zu Wort kommen, die den Nutzen des Seele-Begriffs für das eigene Fach diskutieren. Damit werden die eingangs benannten Fragen in diesem Teil verändert angewandt: Es wird hier gefragt, welche Prozesse, Motive und Rahmenbedingungen entweder zum Verschwinden des Seele-Begriffs geführt haben oder zu einer Reaktivierung führen könnten.

Folgende Beiträge werden im Einzelnen erbeten:

  1. Philosophische Seele-Konzeptionen und ihre Transformationen im 18./19. Jahrhundert (Roderich Barth)
  2. Die naturalistische und inner-theologische Ablösung des Seele-Begriffs im 20. Jahrhundert (Dirk Evers)
  3. Das Verschwinden und das heutige Erklärungspotenzial der Seele in der Psychologie (Wolfgang Mack)
  4. Die Seele als (philosophisches) Identitätskonzept I (Saskia Wendel)
  5. Die Seele als (philosophisches) Identitätskonzept II (Josef Quitterer)
  6. Die Seele als Moment der Unbedingtheit (Regine Kather)
  7. Die Seele als Basis für (religiöse) Jenseitsvorstellungen (Patrick Becker)

IV. Fazit

In einem abschließenden Artikel werden die Herausgeber die Erkenntnisse der vorigen Teile auf der Basis der vorgegebenen Fragenkomplexe zusammenführen, um den Kern des Seele-Begriffs herauszuarbeiten und  eine mögliche Anschlussfähigkeit in heutigen Diskursen aufzuzeigen.

  1. Das Seele-Konzept in der Diskussion. Eine Zusammenschau aus der Sicht der Herausgeber
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